KVA Thun enttäuscht mit der Verlagerung des Abfalltransports von der Schiene auf die Strasse die Thuner Umweltverbände

Mit Bedauern stellen die Thuner Umweltverbände (VCS Regionalgruppe Thun-Oberland und Pro Velo Region Thun) fest, dass der Regierungsstatthalter von Thun das neue Transportlogistikkonzept der Kehrichtverwertungsanlage Thun (KVA) ohne Bahnanlieferung bewilligt hat. Dies führt mit zusätzlichen Lastenwagenfahrten zu Mehrverkehr auf der Strasse.

 

Der Auslöser dazu ist die Inbetriebnahme des Bypass Thun-Nord, welcher die Zufahrten durch die Quartiere der Region Thun entlasten soll. Das neue Transportlogistikkonzept ermöglicht es, Kehricht von Interlaken und Langnau künftig auf der Strasse anzuliefern, statt wie bisher auf der Schiene. Dies führt im Schnitt zu zusätzlich 13 Lastenwagenfahrten pro Tag. Auch wenn der Bypass Thun-Nord nun einen neuen Anfahrtsweg in der Region Thun ermöglicht, werden dafür auf der Zufahrt in anderen Gebieten die Quartiere mit dem zusätzlichen Lastenwagenverkehr belastet und die Emissionen, insbesondere der CO2-Ausstoss erhöht.

Aus Umweltschutzgründen musste sich die Avag beim Bau der KVA Thun einst verpflichten, einen Teil des Abfalls per Bahn anliefern zu lassen. Mit dem neuen Transportlogistikkonzept wird das Engagement der Umweltverbände für eine umweltgerechte Lösung bei der Verkehrspolitik der KVA unterlaufen. Das Argument, dass die Lastwagen sauberer sind als die Dieselloks mag stimmen. Von Langnau oder Interlaken wird der Abfall aber nicht mit Dieselloks nach Thun transportiert. Sogar in Thun kann beobachtet werden, dass der Abfall ohne Dieselloks verschoben wird. Dieses Argument scheint uns eine Irreführung der Behörden. Dass die Genehmigungsbehörde diese Tendenz noch unterstützen, wird von den Umweltverbänden als wenig zukunftsorientiert betrachtet.

Wir stellen zudem die Frage in den Raum, ob die Modelle der KVA's noch zeitgemäss sind. Gerade die Tatsache, dass der Kehricht zunehmend aus Kunststoff besteht, der nach langen Transportwegen in den KVA's verbrannt oder zu Energie und Wärme umgewandelt wird, scheint uns wenig zukunftsorientiert. Es sollten Lösungen gefunden werden, dass diese Kunststoffabfälle in den Regionen wo sie anfallen, auf möglichst kurzen Transportwegen recycelt werden.

In der Schweiz werden heute nur rund 11 % der jährlich anfallenden Kunststoffabfälle wieder als Kunststoff aufbereitet. Mehr als die Hälfte davon macht alleine das PET-Recycling aus. In Deutschland etwa liegt der Wert gemäss Umweltbundesamt wesentlich höher, bei 42 %. In der Schweiz werden jährlich rund 90'000 Tonnen rezykliert. Das Potential ist weitaus höher, es könnten pro Jahr theoretisch 240'000 Tonnen Kunststoff gesammelt werden.

Anders als beim PET ist bei anderen Kunststoffen das Recycling technisch viel schwieriger, weil Plastik gerade aus Haushalten nicht sortenrein ist. Die Kunststoffart und das Sammelsystem beeinflussen das Ergebnis der Ökobilanz beim Recyceln. Es gibt positive Beispiele, wo Kunststoffe in der Schweiz gesammelt und wiederverwertet - und Arbeitsplätze geschaffen werden (www.kunststoffsammelsack.ch). Gesammelter Kunststoff wird teilweise auch verbrannt. Auch zeigt sich, dass jede Gemeinde anders mit dem Thema Kunststoffsammeln umgeht. Entweder werden eigene Sammelsysteme unterhalten oder dies wird durch die Verkaufsstellen gemacht.

Im Vergleich zu den Recycling-Strukturen anderer europäischer Länder ist die Schweiz im Rückstand. Wenn man das Recycling in der Schweiz sukzessive ausbauen würde, könne in Zukunft auf den Neubau von Kehrichtverwertungsanlagen (KVA) verzichtet werden. Eine Recyclinganlage ist zudem halb so teuer wie eine neue KVA, welche dieselbe Menge Kunststoff verarbeitet. Mit dem Recycling erhöht man ausserdem die Wertschöpfung und vermindert den CO2-Ausstoss. Im Thurgau wird zurzeit mit dem KUH-Bag ein Versuch durchgeführt, der von der EMPA begleitet wird. Aus diesem Versuch dürften neue Zahlen zum stofflichem Verwertungspotenzial resultieren, die eine abschliessende Beurteilung der Gemischtsammlung zulassen. Mit dem KUH-Bag werden die CO2-Emissionen reduziert, und mindestens 50 Prozent des gesammelten Kunststoffs werden in den Recyclingkreislauf zurückgeführt. Je nach Erkenntnis des Versuchs mit dem KUH-Bag im Kanton Thurgau könnte dieses Sammelkonzept auch im Kanton Bern umgesetzt werden. Das Anliegen Kunststoffabfälle zu vermeiden und zu recyceln wird auch vom Grossen Rat unterstützt, der 2016 ein Postulat dazu überwiesen hat.